Holger, der Meister

Es ist ein echter Holger!

Seit 1995 malt Holger Schulz bei mir. Damals noch in meiner Küche, umgeben von Katzen und vielen Leuten. Die Küche ist nämlich ein Durchgangszimmer. Damals war ich noch jung und gestreng. Wer bei mir malen wollte, musste sich langsam hocharbeiten, musste angefangen vom Punkt, zur Linie und zur Fläche verschiedenste Aufgabenstellungen lösen und beherrschen, bevor das Nächstschwierige an die Reihe kam. Nicht viele hielten das durch, eigentlich nur Holger.

Manchmal dachte ich: „Was ist dieser Holger doch für ein Mensch? Regelmäßig kommt er, malt zu den angegebenen Aufgaben. Ein froher Gleichmut beherrscht ihn. Egal, ob die Bilder gelingen oder nicht gelingen. Er ist immer gelassen und zuversichtlich. Beneidenswert!“ Dabei zeugten seine ersten Bilder nicht unbedingt von überragendem Gestaltungswillen. Manchmal war ich sogar ein wenig betrübt, weil ich das Gefühl hatte, die Bilder wachsen einfach nicht zusammen. Viele Formen und Farben bleiben getrennt und finden keine Einheit und Harmonie. Doch egal, Holger kam, malte, kam, malte… über Jahre.

Irgendwann änderte sich etwas. Seine Bilder wurden eigenwillig, ganz besonders, einzigartig. Immer weniger konnte ich ihm Korrektur geben. Es entstanden Bilder, die zu nichts in der Kunst passten, ja, den verschiedensten Gesetzen der Kunst zuwider liefen. Man denke nur einmal an die Perspektive. Die war stets völlig falsch herum, noch nicht einmal entgegengesetzt, sondern einfach – irre. Niemand würde sie so sehen oder sogar malen – nur Holger.

Ich begann mich auf Holger zu freuen. Neugier begann mich zu plagen. Was wird er heute malen? Manchmal saß ich neben ihm und dachte: „Wie scheußlich! Das wird ein fürchterliches Bild. Nichts passt zusammen, alles ist total verdreht. Ob er es doch wieder schafft, ein geniales Werk daraus zu machen?“ Über die Jahre schaffte er es immer mehr. Es wurden immer weniger Bilder, die uninteressant waren oder schlecht.

Neben seinen eigenwilligen Kompositionen bestechen seine Bilder durch die wunderschönen Farben. Oft sitzt er mit einem dünnen Pinsel vor seiner Leinwand, mischt lange und genau seine Farbtöne aus, bis er den passenden Ton gefunden hat. Es ist ein Tanz von sanften bis schrillen wundersamen Tönen.

Ich lerne viel von Holger, auch die anderen Malkursteilnehmer. Er hat es geschafft, ein Geheimnis seiner Seele in seiner ihm eigenen Gestalt auf die Leinwände zu bringen. Es sind wirkliche Meisterwerke. Doch er sieht das ganz gelassen, froh und gleichmütig. Wenn ich ihm sage: „Holger, du könntest berühmt und reich werden. Du müsstest dich nur hier hinsetzen und ein Bild nach dem anderen malen!“ Dann winkt er freundlich ab. „Lass mal. Ich will hier, wie immer, einmal in der Woche sitzen und malen. Mehr nicht.“ Ich jedenfalls hoffe, dass er das noch ganz lange und häufig tut! Ich bin schon wieder so gespannt auf sein nächstes Werk! Einen echten Holger.

Christine Klemke

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